Das mannigfache Große der Königsstadt
Berliner Zeitung, 08.08.2002
Gab es eine "Berliner Klassik"? An der Akademie der Wissenschaften erforscht eine interdisziplinäre Gruppe die preußische Großstadtkultur um 1800
Martin Dönicke
Nur ein einziges Mal in seinem Leben war Goethe in Berlin. Gerade einmal vier Tage hielt er sich im Mai 1778 in der preußischen Hauptstadt auf, deren Pracht ihn zwar beeindruckte, deren Größe und Gewimmel ihn gleichzeitig aber auch befremdete. Der damals rund 140 000 Einwohner zählenden Metropole zog er bekanntlich das überschaubare Weimar vor, wo er als "Dichterfürst" ungestört residieren konnte. Auch Friedrich Schiller, den König Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1804 nach Berlin holen wollte, entschied sich gegen das Leben in der Großstadt und für die Abgeschiedenheit Weimars. Gleich zweimal hatte die Provinz damit den Sieg über die Metropole davongetragen.
Der viel beschworene Aufstieg Weimars zur Hauptstadt des Geistes lässt indes häufig vergessen, dass just zur selben Zeit auch und gerade Berlin Schauplatz eines bemerkenswerten kulturellen Aufschwungs war. Diese Schieflage zu korrigieren, hat sich eine an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften beheimatete Arbeitsgruppe vorgenommen. Sie trägt den programmatischen Namen "Berliner Klassik - Eine Großstadtkultur um 1800". Aus der Taufe gehoben wurde das Projekt von dem an der Technischen Universität Berlin lehrenden Germanisten Conrad Wiedemann, der siebzehn weitere Akademiemitglieder, darunter Kunsthistoriker, Musikwissenschaftler und Philosophen, für das interdisziplinäre Unternehmen gewinnen konnte. Beabsichtigt ist die Rekonstruktion einer Stadtkultur, die sich durch eine einzigartige Vielfalt, Mobilität und Urbanität auszeichnet.
Sowohl in Weimar als auch Berlin scheint es das Jahr 1786 zu sein, an dem sich der Umbruch festmachen lässt: Während Goethe nach Italien reist, wo er in Rom und Sizilien seine klassische "Weimarer" Ästhetik entwickeln wird, besteigt in Berlin Friedrich Wilhelm II. nach Friedrich dem Großen den preußischen Thron. Unter dem neuen Herrscher wird der Autonomieästhetiker Karl-Philipp Moritz als Professor für Altertumskunde an die Berliner Akademie der Künste berufen (1789), Carl Gotthard Langhans errichtet das Brandenburger Tor (1788-91), und Johann Gottfried Schadow arbeitet nicht nur an den dazugehörigen Reliefs und der Quadriga, sondern auch an der Marmorgruppe der Kronprinzessin Luise und ihrer Schwester Friederike (1795-97).
Beinahe zeitgleich halten sich aber auch die Protagonisten der jungen romantischen Generation in Berlin auf: Wackenroder und Tieck lernen sich schon als Schüler auf dem Friedrichwerderschen Gymnasium in der Kurstraße kennen, ihre "Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders" erscheinen 1796 bei dem Berliner Verleger Unger. Ebenfalls in der preußischen Hauptstadt lernt Friedrich Schlegel seine spätere Frau Dorothea Veit, die Tochter des jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn, kennen. Gemeinsam mit seinem in Jena lebenden Bruder gibt Schlegel von Berlin aus die romantische Zeitschrift "Athenäum" heraus und schreibt in der Ziegelstraße den Skandalroman "Lucinde" (1799). Dessen erotische Offenheit fand ihren größten Verteidiger in dem damals an der Charité predigenden Theologen Schleiermacher.
Wohl an keinem Ort in Deutschland dürfte die Anzahl intelligenter Köpfe größer und die für die Zeit um 1800 charakteristische "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" deutlicher zu greifen gewesen sein als im damaligen Berlin. Folgt man einem Urteil Goethes aus dem Jahre 1798, so war Berlin damals "vielleicht der einzige Ort", an dem man als Künstler ein ernst zu nehmendes "Publikum" finden konnte.
Der Vergleich Berlins mit dem provinziellen Weimar, der im Hintergrund dieser Überlegungen steht, ist von Wiedemann durchaus gewollt und schlägt sich nicht zuletzt in der Begriffsschöpfung "Berliner Klassik" nieder. Allerdings handelt es sich dabei um einen Begriff, der kritische Einwände geradezu herausfordert. Denn in Zeiten, in denen "Klassik" beziehungsweise das "Klassische" (als Gegensatz zum "Modernen") so suspekt geworden sind, dass selbst die Stiftung Weimarer Klassik ernsthaft erwägt, ihren Namen in "Weimarer Kultur" umzuwandeln, erscheint die zwischen Werturteil und formaler Beschreibung schwankende Bezeichnung "Berliner Klassik" seltsam anachronistisch, ja durchaus missverständlich: Wie lässt sich beispielsweise die "Berliner Romantik", die sich nur schwerlich als "die andere Seite" der Klassik oder als ein bloßes Zwischenspiel verstehen lässt, in dieses Begriffsraster einor
Nicht zu leugnen ist, dass Berlin in den Jahren um 1800 tatsächlich das Zentrum einer ungewöhnlichen kulturellen Blüte war und dass die Bezugnahme auf die klassische Antike für einen Großteil der damals entstandenen Werke und Ideen von zentraler Bedeutung ist. Sei es nun Schadows Prinzessinnengruppe oder Heinrich von Kleists rasende Amazonenkönigin "Penthesilea": beides sind - im doppelten Sinne - "klassische" Werke.
Ob sich der Terminus "Berliner Klassik" durchsetzen kann, wird sich zeigen. Dem Projekt jedenfalls geht es darum, die ansonsten isoliert untersuchten geistigen und kulturellen Strömungen des damaligen Berlin als eine dynamische, vielfach verknüpfte Einheit zu betrachten. Die Arbeitsgruppe hat die denkbar weiteste Perspektive gewählt: Literatur, bildende Kunst und Musik, Salonkultur, Presse- und Vereinswesen, Frauenemanzipation, Bildungspolitik und Gesetzgebung - all diese Aspekte sollen interdisziplinär erschlossen werden.
Material und Ergebnisse werden einer interessierten Öffentlichkeit auf der Homepage der Arbeitsgruppe zur Verfügung gestellt: Neben detaillierten Informationen zu allen Tagungen finden sich hier Aufsätze und Bibliografien, etwa zur Architektur, zum Verlagswesen oder zur Museumsdiskussion um 1800. Hervorzuheben ist eine rund 500 Titel umfassende Aufstellung der zwischen 1750 und 1820 in Berlin erschienenen Zeitschriften und Zeitungen. Kombiniert mit Bestandsnachweisen in deutschen Bibliotheken, wird hier die materielle Grundlage für die weitere Erforschung eines schon damals unüberschaubaren Netzwerks gelegt.
Ende dieses Jahres wird darüber hinaus eine bio-bibliografische Datenbank ins Internet gestellt werden, die Auskunft über etwa 700 Berliner Lebensläufe gibt. Diese Daten sollen zusammen mit einer Stadtchronik und einer Art "historischem Stadtlexikon" in einen interaktiven Stadtplan integriert werden. Durch Anklicken eines bestimmten Orts werden sich hier sämtliche verfügbaren Informationen zu einem Gebäude oder Platz, seiner Funktion und seinen Anwohnern aufrufen lassen. Möglich wird so die Analyse einer komplexen Stadtkultur, deren Matrix in der herkömmlichen Buchform gar nicht darstellbar wäre.
Ohne Zweifel handelt es sich um eines der interessantesten Unternehmen auf dem Gebiet der Literatur- und Kulturwissenschaften. Angesichts der Mittelkürzungen im wissenschaftlichen Bereich darf man erleichtert zu Kenntnis nehmen, dass die Zukunft des Projekts gesichert ist. Im Oktober 2003 wird die ursprünglich auf drei Jahre begrenzte Arbeitsgruppe in ein längerfristiges Akademievorhaben überführt werden. Dies erlaubt nicht nur, die begonnenen Arbeiten fortzuführen, sondern ermöglicht darüber hinaus, weitere Aspekte der "Berliner Klassik" zu erforschen und publik zu machen.
Und der Berlinflüchtling Goethe? Etwa einen Monat vor seinem Tod ließ er den Bildhauer Christian Daniel Rauch wissen, "dass es mir in mehr als einem Sinne zum Trost gereichte, Sie wieder in Berlin zu wissen. Ich lebe dort mehr, als ich sagen kann, und vergegenwärtige mir möglichst das mannigfache Große, was für die Königsstadt, für Preußen und für den ganzen Umfang der Kunst und Technik, der Wissenschaft und Geschäftsordnung geleistet und gegründet wird." Website: www.berliner-klassik.de