Friedrich August Calau: Der Opernplatz, um 1810, Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Johann Christoph (von) Wöllner, Justizminister

Geb. 19. Mai 1732 in Döberitz (Kurmark), gest. 10. September 1800.
Konfession: evangelisch.

I. Genealogie

Vater:

evangelischer Prediger

II. Adressen in Berlin

1786ff.

eigenes Haus, hinter dem Observatorium

ab 1788

bei seiner Anwesenheit im Haus des Gastwirts Töpfer

1790-98

Wegelysches Haus, Unter den Linden

III. Teilnahme an Formen bürgerlicher Öffentlichkeit

  • Mitglied des Montagsclubs (1781-92)
  • Publikationen in F. Nicolais "Allgemeiner Deutscher Bibliothek"
  • Mitgliedschaft in der Freimaurerloge "Zu den drei Weltkugeln"
  • Gründer und Leiter der Rosenkreuzerloge in Berlin
  • Nicolai zählt Wöllner zu den "jetztlebenden durch Schriften bekannten Gelehrten" mit Hinweis auf die von ihm verfaßten ökonomischen und kameralistischen Schriften. (F. Nicolai, Beschreibung, 1786, Bd. 3, Anhang S. 21).

IV. Kurzbiographie

1730er/40er

Unterricht in Spandau.

1750

Aufnahme des Theologie-Studiums in Halle.

1753

Tätigkeit als Hauslehrer bei der Familie des Generals von Itzenplitz zu Groß-Behnitz in der Mark.

1755

Berufung zum Patronatspfarrer in Groß-Behnitz.

1759

Nach dem Tod des Generals scheidet Wöllner - angeblich aus gesundheitlichen Gründen - aus dieser Stelle aus. Nach dem Austritt aus dem Pfarramt erwirbt Wöllner Kenntnisse auf den Gebieten der Landwirtschaft und Nationalökonomie.

1762

Wöllner wird Pächter in Groß-Behnitz.

1766

Heirat mit der einzigen Tochter des Generals Itzenplitz gegen den lebhaften Einspruch ihrer Verwandten.

1768

Wöllner, der ein Kanonikat in Halberstadt erhalten hat, richtet an den König das Gesuch um Nobilitierung. Die Umstände von Wöllners Heirat veranlassen den König, dieses Ansinnen mit der Bemerkung, Wöllner sei ein "intriganter Pfaffe" zurückzuweisen.

1770

Der Bruder Friedrichs II., Prinz Heinrich von Preußen, stellt Wöllner als Kammerrat bei seiner Domänenverwaltung ein. Fortan wohnt Wöllner in Berlin.

1765-80

Wöllner widmet seine Energie dem Freimaurerorden und tritt der Loge "Zu den drei Weltkugeln" bei. Zu dieser Zeit steuert er auch die meisten Rezensionen über landwirtschaftliche Schriften für Friedrich Nicolais "Allgemeine deutsche Bibliothek" bei. Er kommt in den Kontakt mit den Rosenkreuzern und wird in den Orden aufgenommen. Wöllner zieht sich aus den Kreisen der Freimaurer und Aufklärer zurück und gründet in Berlin eine Rosenkreuzerloge. Unter dem Pseudonym Chrysophiron (oder auch Heliconus) leitet er die Loge.

1781

Eintritt des Kronprinzen Friedrich Wilhelm in die Loge (8. August). Wöllner gewinnt Einfluß auf den kommenden Monarchen und wird später zu seinem Orakel in Regierungsdingen.

1784ff.

Wöllner hält dem Kronprinzen Vorlesungen über verschiedene Zweige der Regierungskunst. In dieser Zeit verfaßt Wöllner Vorträge, die nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms recht weitgehend umgesetzt werden. Bis zum Tode Friedrich Wilhelms hört der Einfluß Wöllners auf die preußische Innenpolitik nicht auf.

1786

Erhebung in den Adelsstand; Ernennung zum Geheimen Oberfinanzrat und Chef des Baudepartements. Wöllner erhält auch die Aufsicht über die königliche Dispositionskasse. Wöllners Anliegen, Finanzminister zu werden, wird nicht von Erfolg gekrönt.

1788

Wöllner gelingt die Verdrängung des Ministers Zedlitz aus der Zuständigkeit für das Geistliche Departement. Als Zedlitz die Aufsicht über das Schulwesen in Schlesien und über die von ihm eingesetzte Generalschulkommission entzogen wird, ersucht er um seine Entlassung. Am 3. Juli wird Wöllner zum wirklichen Geheimen Staats- und dirigierenden Minister ernannt; ihm wird das geistliche Departement übertragen. Wenige Tage später folgt der Erlaß des Religionsedikts, das zwar auch von Carmer und Dörnberg unterzeichnet und vom König befürwortet worden ist, jedoch der Feder Wöllners entstammt. Die von den Mitgliedern der Oberkirchenbehörde in Berlin und den fünf Oberkonsistorialräten erhobenen Einwände werden von der vom König ernannten, aus den Ministern Carmer, Dörnberg und Wöllner bestehenden Kommission scharf zurückgewiesen (24. November).

1791

Gründung der Immediats-Examinationskommission zur Prüfung der Geistlichen auf ihre Rechtgläubigkeit. Die Kommission übernimmt die Aufgabe der seit 1788 geübten Zensur, der unter anderem Kant (1794) zum Opfer fällt.

1794

Wöllner muß dem König eine mangelhafte Erfolgsbilanz der Immediats-Kommission melden, was eine Verstimmung Friedrich Wilhelms II. ihm gegenüber zur Folge hat. Dies führt allerdings nicht zum gänzlichen Abbruch des Einflusses Wöllners.

1798

Nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III. (Dezember 1797) unternimmt Wöllner ohne königliche Anweisung den Versuch, die aufgehobenen, formal jedoch nicht zurückgenommenen Bestimmungen "seines" Religionsedikts wieder in Kraft treten zu lassen. Er erhält zunächst (12. Januar) eine schroffe Kabinettsorder und am 11. März seine Entlassung ohne Pension. Er zieht sich zurück auf sein Gut Großriez bei Beeskow. Bitten um die Rückgabe seiner dem früheren Kronprinzen Friedrich Wilhelm übergebenen Vorlagen sowie Ersuche um ein Gnadengehalt werden von Friedrich Wilhelm III. nicht berücksichtigt.

V. Literatur und Quellen

Literatur

Bailleu, Paul: Ein Konflikt König Friedrich Wilhelms II. mit dem Minister Wöllner, in: Forschungen zur brandenburgisch-preußischen Geschichte 11 (1899).

Bailleu, Paul: Wöllner und die auswärtige Politik Friedrich Wilhelms II., in: Historische Zeitschrift 62, S. 285 ff.

Krolzik, Udo: Das wöllnersche Religionsedikt, Habil.-Schr. 1999.
(Auch im Internet publiziert.)

Lehmann, Max: Wöllner und die auswärtige Politik Friedrich Wilhelms II.; in: Forschungen zur brandenburgisch-preußischen Geschichte 3 (1890).

Preuß, I. D. E.: Zur Beurteilung des Staatsministers Wöllner, in: Zeitschrift für preußische Geschichte und Landeskunde 3 (1866), S. 65-95.

R.: Artikel "Wöllner", in: DBA.

Ruppel-Kuhfuss, Edith: Das Generaldirektorium unter der Regierung Friedrich Wilhelms II., mit Berücksichtigung der interimistischen Instruktion von 1798 (= Berliner Studien zur neueren Geschichte, H. 2); Würzburg 1937.

Wagenmann; Mirbt, C.: Artikel "Wöllner", in: DBA.

Nachlaß

1. Teil: Die ganze Lebenszeit betreffender Nachlaß: volkswirtschaftliche, geistliche und Schulangelegenheiten, Rosenkreuzermaterial; umfangreiche Korrespondenz. 1934 GStA Berlin; 1954 Dt. Zentralarchiv, Abt. Merseburg.

2. Teil: 1934 in Familienbesitz; Verbleib unbekannt.