Friedrich August Calau: Der Opernplatz, um 1810, Aquatinta Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Carl August Struensee (von Carlsbach), Minister beim Generaldirektorium

Geb. 18. August 1735 in Halle, gest. 17. Oktober 1804 in Berlin.

I. Genealogie

Vater:

Adam Struensee (1708-1791), Kgl. dän. Gen.-Superintendent und Oberkonsistorialrat.

Mutter:

Maria Dorothea (1716-1792), geb. Karl.

Ehefrau:

Karoline Elisabeth (1749-1803), geb. Müller. (Tochter des Liegnitzer Akademieverwalters).

Geschwister:

Johann Friedrich Struensee (1737-1772), Arzt und Staatsmann in Dänemark.


Gotthilf Christoph (1752-1808), Bankdirektor in Elbing.

Kinder:

Henriette (1779-1832), verh. m. Hans Valentin Gf. v. Königsmarck.


Friederike Karoline, verh. m. Friedrich Wilhelm v. Schütze, preuß. Oberregierungsrat.


Karoline Maria (1787-1858), verh. m. Friedrich Wilhelm Ludwig v. Schütze (gest. 1856), Gutsherr.

II. Adressen in Berlin

1786ff.

im Haus der Seehandlungs-Societät

ab 1792

im Regie-Accise Haus nahe dem Zeughaus

1800

am Festungsgraben 1/2

III. Teilnahme an Formen bürgerlicher Öffentlichkeit

  • Mitglied des Donnerstagskränzchens [Link].
  • Mitglied der Mittwochsgesellschaft [Link] (1783-1798).
  • Publizistische Tätigkeit: Artikel in der "Berlinischen Monatsschrift", u. a. zur Finanzpolitik in Frankreich nach der Revolution.
  • Nicolai zählt Struensee zu den "jetztlebenden durch Schriften bekannten Gelehrten" unter Hinweis auf die "Anfangsgründe der Kriegsbaukunst" und die "Beschreibung der Handlung europäischer Staaten". (F. Nicolai, Beschreibung, 1786, Bd. 3, Anhang S. 19).

IV. Kurzbiographie

Kindheit

Besuch der Waisenhausschule in Halle.

1751

Als 16jähriger immatrikuliert sich Struensee an der Universität in Halle, studiert Theologie, besucht später mathematische und philosophische Vorlesungen.

1756

Erlangung der Magisterwürde.

1757

Berufung zum Prof. der Philosophie und Mathematik an die Ritter-Akademie zu Liegnitz.

1760er

Heirat der Tochter des bürgerlichen Stiftsverwalters der Ritterakademie in Liegnitz.

1771

Übersiedlung nach Kopenhagen. Carl Struensees jüngerer Bruder Johann Friedrich beruft ihn zum dänischen Justizrat und Mitglied des von ihm neugeschaffenen Finanz-Collegiums (April).

1772

Verhaftung Struensees (17. Januar) infolge des Sturzes seines Bruders. Johann Friedrich wird am 28. April hingerichtet, Carl August nach halbjährlicher Haft und Feststellung seiner Unschuld freigelassen. Im Juli Rückkehr nach Berlin. Das Angebot Friedrichs II., die Stelle an der Ritter-Akademie wieder zu besetzen, lehnt Struensee ab. Struensee ersucht um eine Stelle im höheren Staatsdienst, was jedoch von Friedrich II. mit harschen Worten abschlägig beschieden wird. Struensee zieht sich daraufhin auf das von ihm erworbene Gut in Alzenau bei Haynau zurück und widmet sich der Wissenschaft, übersetzt staatswissenschaftliche Schriften und schreibt einen Teil seiner später erscheinenden staatswirtschaftlichen Abhandlungen.

1777

Rückkehr in den Staatsdienst: Berufung zum Direktor des Elbinger Bankcomptoirs.

1782

Ernennung zum Geh. Finanzrat und Direktor der Seehandlung in Berlin am 21. Januar. Die Bestellung erfolgt aufgrund der Empfehlung Schulenburg-Kehnerts.

1789

Kronprinz Friedrich, Mitregent von Dänemark, erhebt Struensee am 5. Mai in den Adelsstand.

1791

Ernennung zum Minister durch Friedrich Wilhelm II. (16. Oktober). Struensee übernimmt von Hans Ernst von Werder das "kombinierte" Departement (vereinigt Zoll- und Akzise-Verwaltung mit dem Fabriken- und Kommerzialwesen). An der Wende des Jahrhunderts ist Struensee Chef des preußischen Akzise- und Zolldepartements, des Fabriken- und Kommerzienwesens, der Seehandlung, der General-Salzadministration und des Amortisationsfonds, mithin als "Finanz"- und "Wirtschafts"-Minister der mächtigste Departementschef des Inneren.

1799

Struensse setzt sich für die Beseitigung der Ausnahmen bei der Erhebung der Konsumsteuern ein. Am 25. Januar 1799 - in Anspach und Bayreuth am 20. Mai - wird eine Verordnung erlassen, die die gleichmäßige Besteuerung aller nach Preußen eingeführten Waren vorschreibt.

1800

Erhalt des Roten Adlerordens.

Exkurs: Forschungsliteratur zu C. A. Struensee

Im Mittelpunkt der geschichtswissenschaftlichen Forschung stand und steht die Bewertung des ministeriellen Wirkens Carl August Struensees. In der älteren Literatur gilt Struensee als ausgesprochener Theoretiker der Staatswirtschaft, der zwar große Einsicht in die Mißstände der preußischen Finanz- und Wirtschaftsverwaltung besessen habe. Zur umfassenden Reform allerdings habe ihm sowohl der Zugang zu neueren Ideen als auch die notwendige Entschlossenheit und Durchsetzungskraft gefehlt. Struensee zähle daher zu den Vertretern des friderizianischen Systems; die Traditionslinie der preußischen Reformer beginne erst mit seinem Nachfolger v. Stein. Rolf Straubel hat sich in einer neueren Studie bemüht, das negative Urteil über die amtliche Tätigkeit Struensees zumindest zu relativieren. Indem er die Abläufe innerhalb der Behörden und das Verhältnis der Minister zueinander sowie zu König und Kabinett detailliert untersucht, gelingt es ihm, die zahlreichen Widerstände aufzuzeigen, die eine erfolgreiche(re) Reformpolitik zu überwinden hatte. Angesichts dieser schwierigen Ausgangslage konstatiert Straubel dort, wo in früheren Arbeiten Halbherzigkeit, Fatalismus oder Opportunismus erkannt wurden, einen "Pragmatismus, durch den sich die ministerielle Tätigkeit v. Struensees auszeichnete." (Straubel (1999), S. 121) Nach Straubel gibt es eine "gebrochene Kontinuität" (Ebd., S. 405) von Struensee zu dessen Nachfolger v. Stein, der zahlreiche Konzepte des 1804 verstorbenen Ministers aufnehmen konnte und sie zu verwirklichen verstand. Abschließend urteilt Straubel, "daß v. Struensee zwar ein überdurchschnittlich befähigter altpreußischer Minister war, die Qualitäten eines großen Reformers besaß er indes nicht." (Ebd., S. 445)

Konzentriert auf die amtliche Tätigkeit des Ministers, auf die Vorgänge innerhalb des Verwaltungsapparates und die Beziehungen zwischen den Entscheidungsträgern im Staat hat die geschichtswissenschaftliche Forschung die Frage nach der Rolle Struensees in der bürgerlichen Gesellschaft und der politischen Öffentlichkeit kaum gestreift. Selbst die Arbeit Marie Hendels, in der die publizistischen Texte Struensees den Ausgangspunkt der Untersuchung bilden, gelangt von der Zuordnung der vom Autor vertretenen "Auffassungen" zu nationalökonomischen Schulmeinungen über den Vergleich von Schrifttum und politischer Wirkung zum Urteil über die Reformleistung des Staatsmannes. Das Verhältnis des zum Minister aufgestiegenen bürgerlichen Verwaltungsfachmanns zur bürgerlichen Gesellschaft ist allenfalls mit sozialgeschichtlichen Mitteln - wiederum von Straubel - untersucht worden. Um den Grad der Verzahnung von Beamtentum und bürgerlicher Gesellschaft im Medium der Öffentlichkeit sowie die Wirkung dieses Miteinanders auf das Selbstverständnis beider Gruppen zu bestimmen, müßte die soziale Praxis an der Schnittstelle von Staat und Gesellschaft Gegenstand der Analyse werden.

V. Literatur und Quellen

Werke (Auswahl)

Abhandlungen über wichtige Gegenstände der Staatswirthschaft, 3 Bde., 1777ff. (Berlin (Unger) 1800).
Darin enthalten: Abhandlung über das schlesische Kreditwerk mit einer Charakteristik der fridericianischen Finanzpolitik (Bd. 1) sowie zwei größere Arbeiten über Staatsanleihen und Getreidehandel.

Anfangsgründe der Artillerie, 1760; 18094.

Anfangsgründe der Kriegsbaukunst, 3 Teile, 1771-74, 17862.

Kriegskunst des Grafen von Sachsen, 1767.

Kurzgefaßte Beschreibung der Handlung der vornehmsten Staaten, 2 Teile, 1778.

Pinto, J. de: Sammlung von Aufsätzen, die größtentheils wichtige Punkte der Staatswirthschaft betreffen, übers. von C. A. Struensee, 2 Bde., Liegnitz, Leipzig 1776-77.

Journalistische Texte

Mehrere Abhandlungen über freien Getreidehandel und freien Gold- und Silberhandel, erschienen ab Mai 1787 in der "Berliner Monatsschrift".

Besprechungen der französischen Finanzverwaltung mit scharfer Verurteilung der Politik Neckers, erschienen 1788-90.

Sekundärliteratur

Held, Hans L. von: Struensee. Eine Skizze für diejenigen, denen sein Andenken werth ist, Berlin 1805.

Hendel, Marie: Beiträge zur Würdigung des preußischen Finanzministers C. A. v. Struensee, Göttingen 1920.

Krause, Peter: Carl August von Struensee (1735-1804), in: Aufklärung. Interdisziplinäre Halbjahresschrift zur Erforschung des 18. Jhds. und seiner Wirkungsgeschichte 6 (1991/92), S. 97-99.

Petersdorff, H. v.: Art. "Struensee" in: ADB, Bd. 16, S. 661ff.

Rachel, Hugo: Art. "Struensee" in: DBA.

Real, Willy: Die preußischen Staatsfinanzen und die Anbahnung des Sonderfriedens von Basel 1795. in: FBPG, N. F., Bd. 1 (1991), S. 53-100.

Schück, Carl Eduard: Die Minister Struensee, Hoym und Stein in ihrer Beziehung zueinander und zu den Notständen in Schlesien 1790/92 und 1804/05, in: Abhandlungen der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur. Philosophisch-Historische Abteilung, Bd. 42 (1864), S. 27-54.

Straubel, Rolf: Der Minister Carl August von Struensee. Zwischen Tradition und Reform, in: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte, Bd. 49 (1998), S. 112-121.

Straubel, Rolf: Carl August von Struensee. Preußische Wirtschafts- und Finanzpolitik im ministeriellen Kräftespiel (1786-1804/06), Potsdam 1999. (= Bibliothek der brandenburgischen und preußischen Geschichte; 4).

Nachlaß

Geschäftsnachlaß 1794-1804; u. a. Salzwesen, Seehandlung und Polen betreffend; 1934 Geh. Staatsarchiv; 1954 Dt. Zentralarchiv, Abt. Merseburg.