Ewald Friedrich Graf von Hertzberg, Kabinettsminister
Geb. 2. September 1725 in Lottin (Kr. Neustettin; Pommern),
gest. 27. Mai 1795 in Berlin.
Konfession: evangelisch.
I. Genealogie
Vater: |
Kaspar Detlof v. Hertzberg (1683-1753), sardinischer Major |
Mutter: |
Elisabeth Christine, geb. von Kettwig |
Ehefrau: |
Hyma Maria (1724-96), geb. von Inn- und Knyphausen (Heirat 1752) |
keine Kinder |
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II. Adressen in Berlin
1786ff. |
Am ehemaligen Leipziger Tor |
III. Teilnahme an Formen bürgerlicher Öffentlichkeit
- Als Kurator der Akademie der Wissenschaften veranlaßt er die Aufnahme führender Berliner Aufklärer in die Akademie und bemüht sich um die Förderung der deutschen Sprache.
- Hertzbergs rege publizistische Tätigkeit bringt ihm in den letzten Jahren den Ruf eines "Frondeurs" und "Demokraten" ein.
- F. Nicolai zählt ihn in seiner "Beschreibung" Berlins zu den "jetztlebenden durch Schriften bekannten Gelehrten" unter Hinweis auf seine historiographischen Arbeiten, die Vortragstätigkeit im Rahmen der Akademie sowie die Förderung von Historikerkollegen. (F. Nicolai, Beschreibung, 1786, Bd. 3, Anhang S. 9-10).
IV. Kurzbiographie
1739-42 |
Besuch des Gymnasiums in Stettin. |
1742 |
H. beginnt ein Studium des Staatsrechts und der Geschichte an der Universität Halle. U. a. Besuch von Vorlesungen Christian Wolffs. |
1745 |
Vorlage der Studie "Jus publicum Brandenburgicum". Die Arbeit findet bei Sachverständigen positive Aufnahme; das Kabinettsministerium, dem sie vorgelegt wurde, untersagt den Druck aus politischen Gründen. Mit einer Abhandlung über Kurfürstentage und Kurfürstenvereine erlangt H. den Grad des Doktors der Rechte. |
1745 |
Aufgrund der Dissertation stellt Kabinettsminister Gf. Podewils H. in der Kanzlei des Auswärtigen Departements in Berlin an. Gegen die Ablehnung des Ministers entspricht Friedrich II. H.s Bitte um Verwendung im diplomatischen Dienst. Im Herbst des Jahres begleitet H. als Legationssekretär zwei preußische Gesandte nach Frankfurt am Main, wo sie gegen die Wahl des Gemahls Maria Theresias, Franz von Lothringen, zum deutschen Kaiser Einspruch erheben. |
1747 |
Anstellung am Geheimen Staatsarchiv. Neben den beruflichen Geschäften betreibt H. Archivstudien, durch die er sich umfassende Kenntnisse der deutschen, insbesondere der brandenburgisch-preußischen Geschichte aneignet. |
1750 |
Ernennung H.s zum Leiter des Kabinettsarchivs. H. hat dieses Amt bis 1765 inne. |
1752 |
H. wird aufgrund seiner Arbeit über die "Erste Bevölkerung in der Mark Brandenburg" zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften ernannt. Im selben Jahr erfolgt die Ernennung zum Geheimen Legationsrat und die Aufnahme in die "Pépinière". Im selben Jahr Heirat mit einer Tochter des verstorbenen Ministers Freiherr von Knyphausen. Durch die Eheschließung gelangt das südlich von Berlin gelegene Gut Britz in H.s Besitz. H. beschäftigt sich dort mit dem Seidenbau. |
1754 |
Auf Befehl Friedrichs II. nimmt H. an den Konferenzen des Kabinetts teil. Im Ministerium ist H. an der Ausfertigung wichtiger Depeschen beteiligt. |
1756 |
H. verfaßt im Auftrag Friedrichs II. die Denkschrift "Mémoire raisonné", in der er das Vorgehen des Königs gegen Sachsen rechtfertigt. |
1757 |
Friedrich II. ernennt H. am 17. Januar zum Wirklichen Geheimen expedierenden Sekretär im Auswärtigen Departement. H. wurde damit zum ersten Untergebenen der Kabinettsminister Podewils und Finckenstein. Während des Siebenjährigen Krieges ist H. mit der publizistischen Rechtfertigung der preußischen Politik betraut. |
1762 |
In Breslau entwirft H. die Friedensverträge Preußens mit Rußland und Schweden. |
1763 |
Am 5. April ernennt Friedrich II. H. zum zweiten Kabinettsminister neben Finckenstein.
(Podewils war am 29. Juli 1760 gestorben.) H. führt die Verhandlungen
in Hubertusburg, die die Beendigung des Krieges zur Folge haben (15.
September). H. selbst bezeichnet diese diplomatische Mission als
Höhepunkt seiner Laufbahn unter Friedrich II. |
1779 |
Friedrich II. folgt H.s Ansichten weder in der polnischen Frage noch im Bayerischen Erbfolgekrieg und verzichtet auf dessen Teilnahme an den Friedensverhandlungen von Teschen. Nach diesem Rückschlag richtet H. seine Aufmerksamkeit verstärkt auf andere Felder neben dem diplomatischen Dienst. Dazu gehört erstens das ab 1780 gesteigerte Engagement für die Akademie der Wissenschaften und zweitens der Versuch, den kommenden Thronfolger Friedrich Wilhelm II. in Briefen und Denkschriften politisch zu unterrichten. |
1786 |
Friedrich Wilhelm II. verleiht H. den Schwarzen Adlerorden, erhebt ihn in den Grafenstand und macht ihn zum Leiter des Auswärtigen Departements. Er wird zudem Kurator der Akademie der Wissenschaften. Dieser Aufgabe widmet H. große Aufmerksamkeit. Unter seiner Ägide werden namhafte Aufklärer zu Mitgliedern der Akademie; für die Mitgliedschaft Nicolais, Biesters und Svarez' verwendet sich H. jedoch - aufgrund des Einflusses Wöllners - vergeblich. |
1790 |
Unter der Herrschaft Friedrich Wilhelms II. vertritt H. eine politische Strategie, die die Anlehnung an Rußland und England vorsieht und die Gewinnung von Territorien auf Verhandlungswege anstrebt. Zwar kommt es 1788 tatsächlich zu einem Bündnis zwischen Preußen und England, doch Friedrich Wilhelm II. ist immer weniger bereit, den außenpolitischen Empfehlungen H.s zu folgen und vollzieht im Juli durch die Konvention von Reichenbach (27. Juli) die Annäherung an Österreich. Anschließend stellt Friedrich Wilhelm II. Hertzberg die Minister Schulenburg und Alvensleben an die Seite; schrittweise werden H. die auswärtigen Geschäfte entzogen. |
1791 |
H. bittet um seine Entlassung aus dem auswärtigen Dienst (5. Juli); der König gewährt ihm den Rückzug, ohne das Abschiedsgesuch förmlich zu bewilligen. Das Amt des Kurators der Akademie der Künste behält H. weiter inne, ebenso die Aufsicht über den preußischen Seidenbau. |
1792 |
H. legt dem König einen Plan zur Bildung einer "deutschen Deputation" in der Akademie der Wissenschaften vor, die mit der Kodifizierung der deutschen Sprache betraut werden sollte. Ergebnis dieses Ansinnens ist die Herausgabe einiger "Beiträge zur deutschen Sprachkunde". |
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In seinen letzten Lebensjahren gerät H. in den Ruf eines "Frondeurs". Seine Eingaben an den König bleiben unbeachtet, und seine literarische Tätigkeit wird, wenn nicht erschwert, zumindest nicht gefördert. |
V. Literatur und Quellen
Werke (Auswahl)
Abhandlungen über äußere, innere und religiöse Staatsrevolutionen, 1789.
Abhandlung über das dritte Jahr der Regierung Königs Friedrich Wilhelm II. und zu beweisen, daß die preußische Regierung nicht despotisch ist, 1789.
Abhandlung über das vierte Jahr der Regierung Königs Friedrich Wilhelm II. und über den Erb-Handel, 1790.
Abhandlung über das wahre Ideal einer guten Geschichte und über das zweyte Regierungs-Jahr Friedrich Wilhelms II., König von Preussen, 1789.
Acht Abhandlungen, welche in der Kgl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin an den Geburtstagsfesten des Königs im Jänner 1780 bis 1787 vorgelesen worden, Berlin, Leipzig 1789.
Historische Nachricht von dem ersten Regierungs-Jahre Friedrich Wilhelms II., Königs von Preussen, 1787.
Historische Nachricht von dem letzten Lebensjahre Königs Friedrich des Zweyten von Preussen, 1787.
Mémoire sur les revolutions des états, externes, internes et réligieuses, lu dans l'Assemblée publique de l'Académie des Sciences de Berlin le 6. Octobre 1791.
Neues Wörterbuch der Politik. Ein Vermächtniß des Grafen von Hertzberg, an seine Zöglinge, Warschau, 1796; 22 S.
Oeuvres politiques de la Comte de Hertzberg. Préc. d'une notive sur la personne et sur les emplois qu'il a succesicement remplis, 3 Bde., Berlin, Paris (Maradan) 1795.
Précis de la carrière diplomatique de comte de Hertzberg (Autobiographie), hg. v. Köpke, R., in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 1 (1844), S. 16-36.
Recueil des déductions, manifestes, déclarations, traités et autres actes et écrits publics, qui ont é,té rédigés et publiés pour la cour de Prusse par le ministre d'Etat comte de Hertzberg, 3 Bde., 1789-95.
Literatur
Bailleu, Paul: Art. "Hertzberg" in: ADB, Bd. 12 (1880), S. 241-249.
Bailleu, Paul: Graf Hertzberg, in: HZ 42 (1879), S. 442-490.
Dressler, Gustav: Friedrich II. und Hertzberg in ihrer Stellung zu den holländischen Wirren in den Jahren 1783-1786, Breslau, Phil.-Diss, 1882.
Haake, Paul: Art. "Hertzberg" in: DBA.
Köpke, Rudolf: Ueber des Grafen Hertzberg Abriss seiner diplomatischen Laufbahn; in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 1 (1844), S. 1-15.
Klueting, Harm: Ewald Friedrich von Hertzberg - preußischer Kabinettsminister unter Friedrich dem Großen und Friedrich Wilhelm II., in: Junisch, Johannes (Hg.): Persönlichkeiten im Umkreis Friedrichs des Großen, Köln, Wien 1988, S. 135-152. (= Neue Forschungen zur Brandenburg-Preußischen Geschichte; 9). Darin weitere Literaturangaben.
Posselt, Ernst Ludwig: Ewald Friedrich Graf von Hertzberg. Mit Auszügen aus seiner Correspondenz, die neuesten Welthändel betreffend, Tübingen 1798.
Preuß, Andreas Theodor: Ewald Friedrich Graf von Hertzberg, Berlin 1909.
Preuß, Theodor: Graf Hertzberg als Gelehrter und Schriftsteller (1902). (=Bausteine zur preußischen Geschichte; 2,2).
Skalweit, Stephan: Art. "Hertzberg", in: NDB, Bd. 8, Berlin 1969, S. 715-717.
Wittichen, Friedrich Carl: Die Politik des Grafen Hertzberg 1785-90, in: Historische Vierteljahrschrift 9 (1906), S. 174-204.
Portrait
Kupferstich von I. S. Klauber (1795).
Nachlaß
1. Teil: 1772-1792: Akten, Denkschriften, umfangreiche diplomatische Korrespondenz; 1934 GStA Berlin, 1954 Dt. Zentralarchiv, Abt. Merseburg.
2. Teil: 1934 in Hand des Freiherrn v. Eckstein-Prötzel; Verbleib unbekannt.
Quellen
Weitere Briefe Hertzbergs befinden sich in den Nachlässen
- K. G. H. Gf. v. Hoyms,
- Samuel Wilhelm Oetters (1720-1792), Pfarrer in Markt Erlbach, Historiker (1841 an König Ludwig I. von Bayern verschenkt; trotz intensiver Nachforschungen nicht mehr ermittelbar.) und
- Johann Eustach Gf. v. Schlitz', genannt v. Görtz.