Friedrich August Calau: Der Gendarmenmarkt mit dem alten Schauspielhause, um 1820, Aquatinta (Laurens und Thiele sculp.), Berlin bei L.W. Wittich, 17 x 12 cm Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Matthias Kornemann und Axel Fischer

Die Zeltersche Liedertafel

Mit der Stiftung der Zelterschen Liedertafel im Jahr 1809 tritt ein völlig neuartiger Gesellschaftstypus auf den Plan. Eine Gruppe, die als Spiegelbild einer preußisch-deutschen Elite gelten kann, konstituierte sich über das eigene künstlerische Schaffen, über das in ihren Statuten festgeschriebene „Singen, Dichten und Komponieren“. Es hat den Anschein, als seien hier - parallel zu Humboldts weitaus prominenteren Reformen - paradigmatische Mentalitätsbedingungen generiert worden, deren Wirkungsmacht die Entwicklung bildungsbürgerlicher Kulturtechniken mitgeprägt hat. Diese erstaunliche Erkenntnis führte zur Neubewertung einer Institution, deren Ausstrahlung auf das „lange 19. Jahrhundert“ weitaus größer gewesen sein könnte als vermutet. Der Vortrag möchte die höchst differenzierten Denkformen und den exklusiven Kunstanspruch dieser Institution anhand eines Blickes auf seine geradezu kanonisierende Repertoirebildung ausleuchten. So wurden bis zu Zelters Tod 1832 nicht weniger als 254 Kompositionen aus den Reihen der Liedertäfler zur Aufführung gebracht. Die vertonten Texte, sowohl die Eigendichtungen der Mitglieder als auch die rezipierten Texte, sind gleichsam der Schlüssel zur Erkundung einer sich allmählich ausformenden bildungsbürgerlichen Mentalität. Es wird zu zeigen sein, dass dieser Prozess weitgehend auf die häufig unterstellten nationalistischen Motive verzichtete und seine Bezugspunkte weitaus mehr in einer neuhumanistischen Antikenrezeption finden konnte.