Friedrich August Calau: Der Gendarmenmarkt mit dem alten Schauspielhause, um 1820, Aquatinta (Laurens und Thiele sculp.), Berlin bei L.W. Wittich, 17 x 12 cm Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Cord-Friedrich Berghahn

Das Wagnis der Autonomie: Wilhelm von Humboldts Schreiben

Wie eine gewaltige Klammer umschließt das Denken und Schreiben Wilhelm von Humboldts (1767-1835) die Goethezeit. Wohl kein europäischer Intellektueller um 1800 hat in derart insistierenden Denk- und Schreibprozessen die sich ausdifferenzierenden Einzeldisziplinen noch einmal integral zu durchdenken und unter gemeinsamen Perspektiven zu ordnen versucht wie Humboldt. Und wohl nur ihm ist in seinen späten, in Tegel entstandenen linguistischen Werken genau dieses auf eine höchst moderne, von der Moderne jedoch geflissentlich überhörte Weise tatsächlich gelungen. Dennoch wird Humboldt heute - wenn überhaupt - nur als Schattenbild wahrgenommen, und kaum eine wissenschaftliche Arbeit hat sich der Herausforderung seines in zahllose Fragmente zerfallenden Werkes wirklich gestellt. Der Vortrag will an ausgewählten Beispielen zeigen, wie erfahrungsseelenkundliche und anthropologische Denkbewegungen dieses so heterogen scheinende Werk von Anfang an durchziehen - und so eine integrale Lesart der Schriften Wilhelm von Humboldts entwickeln.