Conrad Wiedemann
Über Stadtmenschen. Eine Zwischenbilanz nach zehn Jahren "Berliner Klassik. Eine Großstadtkultur um 1800".
In Deutschland gab es im 19. Jahrhundert, anders als in den Nachbarländern, keine nennenswerte Stadtliteratur. Das entsprach einerseits Goethes Weimarer Credo, dass der kulturelle Ort der Deutschen nicht die Stadt, sondern die Landschaft sei, andererseits dem merkwürdigen Unwillen der Literatur- und Kulturhistoriker, die städtische Kulturblüte Berlins um 1800 überhaupt wahrzunehmen. Wir tun uns offensichtlich schwer (bis heute?) mit moderner Urbanität.
Nach einem Jahrzehnt soziokultureller Quellenforschung (Theater, Geselligkeit, Geschmackspolitik) ist die Frage nach dem großstädtischen Charakter gelöst. Die Berliner Bürgerkultur von 1800 war tendenziell städtisch und modern. Trotzdem ist hier nicht der moderne Großstadtroman entstanden. Warum nicht und was anstatt dessen, wird der Referent an Beispielen zu erklären versuchen.