Hanne Lotte Lund
Der Berliner Salon erfährt in den letzten zwei Jahrzehnten eine zunehmend widersprüchliche Rezeption: Auf der einen Seite wird er als beinah "klassische" Institution der Berliner Geselligkeit gerühmt und sogar wiederbelebt, auf der anderen Seite als "Mythos von der Dachstube" (Barbara Hahn) dekonstruiert.
In meiner Dissertation untersuche ich den Salon als Ort der Emanzipation(?). Fern von der Fortschreibung pauschaler Legenden geht es mir darum, die Möglichkeiten und Grenzen nachzuzeichnen, die diese Geselligkeitsform den beteiligten Frauen und Männern jüdischer Herkunft bot, vor allem in Bezug auf Bildungsmöglichkeiten, Schreibanlässe und gesellschaftliche Anerkennung.
Mein Anliegen ist es, die Biographien bisher weniger bekannter Saloniéren durch Detailrecherchen zu vervollständigen, und so den Stellenwert des Salons in ihrem Leben zu ermessen, außerdem soll der Salon vor dem Hintergrund Berliner Gesellschaftslebens um 1800 neu bewertet werden. Wesentliches Material sind (ungedruckte) Briefwechsel sowohl zwischen Saloniéren und ihren Besuchern als auch der Gäste untereinander, in denen aufschlussreiche Urteile über die jüdischen Häuser zu finden sind. Die Frage ist: Inwieweit hatte die im Salon praktizierte Toleranz über ihn hinaus bestand, und zwar örtlich- jenseits der vier Wände- und zeitlich, über die sogenannte "Blütezeit" hinaus?