Uta Motschmann
Die am 10. Januar 1797 gestiftete "litterarische Gesellschaft", die sich seit 1798 "Gesellschaft der Freunde der Humanität" nannte, war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer der bekanntesten Berliner Bildungsvereine und zweifellos eines der wichtigeren Glieder des vielschichtigen Berliner Vereinswesens. Die "Verbindung von gebildeten Männern aus allen Ständen" traf sich wöchentlich im Haus der Freimaurerloge Royal York zu wissenschaftlichen Vorträgen und Diskussionen. Diese befaßten sich vorrangig mit Literatur, Altphilologie, Kunst, Philosophie, Bildung und Schulwesen, Bauwesen, Medizin und den Naturwissenschaften. Es fand ein interdisziplinärer, generationen- und ständeübergreifender Gedankenaustausch einer geistigen Elite statt. Die thematische Universalität der "Humanitätsgesellschaft" entsprach durchaus dem Humboldtschen Ideal eines freien und autonomen Stadtbürgers, dessen 'vielgestaltige' Zuständigkeit er vom Bürger des klassischen Athen ableitete und auf die eigene Stadt übertragen wollte. Die "Humanitätsgesellschaft" war Ausdruck der Selbstorganisation der Bürgergesellschaft, eine Schule der Selbstverwaltung, Selbsttätigkeit und freien Selbstbildung. Unter den insgesamt über 300 Mitgliedern finden sich Lehrer und Professoren, Bildende Künstler und Architekten, Fabrikanten und Kaufleute, Offiziere, Theologen und Ärzte, Angehörige unterschiedlicher Stände und Religionen. Die Frühgeschichte der Gesellschaft haben unter anderem Johann Gottfried Schadow, Karl Friedrich Schinkel, Alois Hirt, Ignaz Aurelius Feßler, Lazarus Bendavid und Theodor Heinsius mitbestimmt.
Man kann von annähernd 100 Formationen in Berlin ausgehen, die im Zeitraum 1786 bis 1815 dem Charakter eines geselligen Bürgervereins entsprechen. Verläßliche Aussagen über die Vereinsentwicklung um 1800 in Berlin lassen sich nur durch sorgfältige Quellensuche und Quellenauswertung sowie durch genaue Detailuntersuchungen gewinnen. Die einflußreiche, langlebige, literarisch-künstlerisch und naturwissenschaftlich ausgerichtete "Gesellschaft der Freunde der Humanität", für die eine optimale Quellenlage besteht, wurde vom Forschungsvorhaben "Berliner Klassik" als Pilotprojekt für eine Gesamtdarstellung der Berliner Vereinsentwicklung ausgewählt.
Es wird zu untersuchen sein, was die Gesellschaft in den 64 Jahren ihrer Existenz unter ihrem selbstgegebenen Bildungsauftrag verstand und wie sie ihn zu erfüllen versuchte. Wie agierten die Mitglieder untereinander? Welchen Zweck verbanden sie mit ihrem Eintritt in den "Freundschaftsbund"? Wie wirkte die Gesellschaft nach außen, direkt oder vermittelt? Und wo ist sie innerhalb des sich entwickelnden bürgerlichen Vereinswesens zu verorten?