Sean Franzel
Angesichts der Tatsache, dass eine Vielzahl der literarisch-philosophischen Werke um 1800 als Reden oder Vorlesungen gehalten und explizit als solche gedruckt wurde, lässt überraschen, dass Literaturwissenschaftler und Kulturhistoriker sich kaum mit der Vorlesung als besonderer Form der literarischen und gelehrten Kommunikation beschäftigt haben. In den 30 Jahren vor der Gründung der Friedrich-Wilhelms- Universität zu Berlin, war die Stadt, wie Nicolai berichtet, Ort einer regen gelehrten Vorlesungstätigkeit; im Haus von Marcus und Henriette Herz wurden Vorlesungen zum wichtigen Anlass eines gemischten geselligen Verkehrs; in den öffentlichen Vorträgen von A.W. Schlegel, Schleiermacher, und Fichte wurde eine neue literarische, philosophische und politische Bewegung beschworen; und in den Programmschriften zu der Gründung der neuen Universität wurde die Vorlesung als zentrales Medium eines vereinheitlichten "wissenschaftlichen Zusammenlebens" (Schleiermacher) neu konzipiert.
Sean Franzel ist Doktorand in der Germanistik an der Cornell University im US-Bundesstaat New York, und ist zur Zeit Fulbright-Stipendiat in Berlin.