Friedrich August Calau: Der Gendarmenmarkt mit dem alten Schauspielhause, um 1820, Aquatinta (Laurens und Thiele sculp.), Berlin bei L.W. Wittich, 17 x 12 cm Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Sean Franzel

Die Vorlesung als gesellige, literarische und gelehrte Form um 1800

Angesichts der Tatsache, dass eine Vielzahl der literarisch-philosophischen Werke um 1800 als Reden oder Vorlesungen gehalten und explizit als solche gedruckt wurde, lässt überraschen, dass Literaturwissenschaftler und Kulturhistoriker sich kaum mit der Vorlesung als besonderer Form der literarischen und gelehrten Kommunikation beschäftigt haben. In den 30 Jahren vor der Gründung der Friedrich-Wilhelms- Universität zu Berlin, war die Stadt, wie Nicolai berichtet, Ort einer regen gelehrten Vorlesungstätigkeit; im Haus von Marcus und Henriette Herz wurden Vorlesungen zum wichtigen Anlass eines gemischten geselligen Verkehrs; in den öffentlichen Vorträgen von A.W. Schlegel, Schleiermacher, und Fichte wurde eine neue literarische, philosophische und politische Bewegung beschworen; und in den Programmschriften zu der Gründung der neuen Universität wurde die Vorlesung als zentrales Medium eines vereinheitlichten "wissenschaftlichen Zusammenlebens" (Schleiermacher) neu konzipiert.

Im Vortrag sollen einige Thesen aus dem Dissertationsprojekt zum Thema 'Vorlesung als literarische und gelehrte Form um 1800' vorgestellt, und das Bild der Vorlesung in den Schriften zur Universitätsgründung von Schleiermacher und Fichte bekannt gemacht werden. Darin machen sich Fichte und Schleiermacher Gedanken über die geselligen und kommunikativen Vorzüge der universitären Vorlesung (inklusive die dazu gehörende körperliche Zusammenkunft im Auditorium) gegenüber anderen Formen der schriftlichen Kommunikation. Gefragt werden soll vor allem wie die Vorlesung einen sozialen Raum eröffnet, und wo sich die Universität als gesellschaftliche und politische Macht inszenieren kann. Theorie und Praxis der Vorlesung um 1800 muss durchaus kritisch betrachtet werden; sie darf jedoch nicht unberücksichtigt bleiben, wenn es um eine Bewertung der medialen, geselligen, und institutionellen Praktiken dieser Zeit geht.

Sean Franzel ist Doktorand in der Germanistik an der Cornell University im US-Bundesstaat New York, und ist zur Zeit Fulbright-Stipendiat in Berlin.