Felix Saure
"Christlich gothische, oft fratzenhafte Modernität" und ein Dom "von dem reinsten und schönsten Geschmack". Wilhelm von Humboldt über die Kunst des Mittelalters
Wohl kaum eine andere Persönlichkeit aus der Zeit des deutschen Idealismus wird so sehr mit der deutschen Griechensehnsucht identifiziert wie Wilhelm von Humboldt. Er selbst spricht von der unerreichbaren "Göttlichkeit" der Antike, die seine ästhetischen, politischen und bildungstheoretischen Vorstellungen maßgeblich prägte. Gerade im Kontrast zum Mittelalter, dessen zeitgenössische Faszinationskraft auch Humboldt nicht verborgen blieb, erweist sich für ihn die Suprematie des klassischen Altertums. Selbst in einigen Gedichten reflektiert er über Ästhetik und geschichtsphilosophische Bedeutung dieser Epochen und kritisiert dabei eindringlich die patriotisch und christlich-religiös grundierte Fokussierung auf Kunst und Literatur des Mittelalters. Gegen Homer, so schreibt er beispielsweise an Friedrich Gottlieb Welcker, könne das Nibelungenlied nicht bestehen.
Doch obwohl Humboldts Ästhetik grundsätzlich einer klassizistischen Kunstauffassung verpflichtet bleibt, wird die differenzierte Ablehnung des Mittelalters auch durchbrochen. Ein Besuch der Sammlung Boisserée, die Kenntnisnahme der Kölner Dombaupläne Georg Mollers und Eindrücke, die er in süddeutschen Domen erhält, erzeugen bei Humboldt eine nahezu schwärmerische Begeisterung für gotische Architektur und mittelalterliche Malerei. Als preußischer Staatsmann und Diplomat reflektiert er zugleich über das aktuelle staatspolitische Potential mittelalterlicher Kathedralen. Nicht zuletzt setzt Humboldt sich als Gründer und Vorsitzender des seit 1825 bestehenden "Vereins der Kunstfreunde im Preussischen Staate" mit der zeitgenössischen Kunst und Ästhetik auseinander. Dabei war die Frage nach der Orientierungsfunktion von Antike und Mittelalter für die moderne Kunst ein zentraler Punkt der Auseinandersetzungen in dieser Berliner Gesellschaft, von der sich etwa Friedrich Tieck eine Abkehr von "Madonnen und dergleichen" erhoffte.