Friedrich August Calau: Der Gendarmenmarkt mit dem alten Schauspielhause, um 1820, Aquatinta (Laurens und Thiele sculp.), Berlin bei L.W. Wittich, 17 x 12 cm Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Martin Pozsgai

Appartements in französischer Manier. Die Wohnungen des Kurfürsten Max Emanuel von Bayern in den Münchner Schlössern

Der bayerische Kurfürst Max Emanuel, zunächst aufgrund seiner Herkunft und der Erziehung durch die savoyische Mutter außerordentlich an der italienischen Kunst interessiert, kam spätestens in den Jahren, in denen er als Statthalter der spanischen Niederlande in Brüssel residierte, in Kontakt mit dem Kunstschaffen in Frankreich. Wurde er im Spanischen Erbfolgekrieg aufgrund seiner Parteinahme für den französischen König mit der Reichsacht belegt, so bildete die darauf folgende Zeit des Exils, die er von 1705 bis 1715 in Frankreich verbrachte, eine prägende Erfahrung für den einst als Türkensieger gefeierten Reichsfürsten. In direkten Kontakt mit der Wohnkultur des französischen Adels gekommen, ließ er die Appartements in seinen Exilresidenzen nach dem neuesten Geschmack einrichten. Er fröhnte nicht nur dem zeitgenössischen Ausstattungsluxus, sondern ließ den aus Bayern gekommenen Nachwuchs bei führenden französischen Künstlern ausbilden. Zu diesen gehörten Johann Adam Pichler als Holzbildhauer und Schreiner sowie Joseph Effner als Architekt.

Möglicherweise hatte der Kurfürst sie bereits im Hinblick auf künftige Ausstattungsvorhaben in München ausbilden lassen, denn die vor seinem Exil begonnenen Schlösser in Nymphenburg und Schleißheim standen erst im Rohbau. Errichtet nach Entwürfen des italienischen Hofbaumeisters Enrico Zuccalli, war es ab 1715 Effners Aufgabe, diese Anlagen durch den Innenausbau zu vollenden. Die Raumfolgen, die in den kommenden Jahren in Dachau, in Nymphenburg, in Fürstenried, Schleißheim und dann auch in der Münchner Residenz entstanden sind, spiegeln in ihrer Dekoration und Einrichtung neueste französische Entwicklungen. Dies betraf nicht nur die Formensprache und die Dekorationssysteme an Wänden und Decken. Es wurden auch neue Technologien wie der Bronzeguss und Innovationen wie die bequem in die Laibung integrierbaren „schlagenden Fensterläden“ am Münchner Hof eingeführt. Doch nicht nur die äußere Gestalt der Innenräume gab sich jetzt in französischer Manier. Jüngste Archivrecherchen in München konnten erstmals belegen, dass Max Emanuel – wie zuvor schon in Nymphenburg – auch in Schleißheim jeweils zwei Appartements für sich hat ausgestalten lassen. Die Konzeption von getrennten „Appartements de parade“ und „Appartements de commodité“ stand ganz in der französischen Tradition, die bis dahin – vielleicht mit Ausnahme des Stadtpalastes des Prinzen Eugen in Wien – kein anderer Reichsfürst in dieser Konsequenz verfolgt hatte.

Der Vortrag wird diese Appartements in den verschiedenen Schlössern vorstellen, ihre Ausstattung und ihre Funktion analysieren und erklären, warum Max Emanuel in seinen Paradeappartements in den Residenzen nicht auf ein Audienzzimmer verzichten konnte. Einzelne Elemente sollen exemplarisch aus der „décoration intérieure“ in Frankreich in der Zeit um 1700 abgeleitet werden, sodass die französische Manier als künstlerischer Impetus deutlich wird, die der bayerische Kurfürst umgesetzt sehen wollte.