Hahn
Matthias Hahn (Berlin)
Führung durch die Sonderausstellung Präzision und Hingabe. Möbelkunst von Abraham und David Roentgen.
Ort: Kunstgewerbemuseum am Kulturforum
Datum: Freitag, den 29. Juni 07, 16.00 Uhr s.t.
Die Namen Abraham und David Roentgen markieren einen der Höhepunkte in der Geschichte der europäischen Möbelkunst. Aus ihrer Manufaktur in Neuwied am Rhein stammten die spektakulärsten und gefragtesten Möbel der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Ihren bis heute unüberbotenen Reiz beziehen diese Möbel aus drei Faktoren: der bestechenden Eleganz des Entwurfs, der kunstvollen Verarbeitung erlesener Materialien und dem Einsatz raffiniertester Mechanik. Dadurch sind die Roentgen-Möbel nicht nur wahre Pretiosen der angewandten Kunst, sondern in ihnen offenbart sich ebenso ein ästhetischer wie auch technischer Qualitätssprung im Möbelbau.
Mit der Ausstellung im Berliner Kunstgewerbemuseum ist jetzt die einmalige Gelegenheit gegeben - neben anderen Exponaten - drei Spitzenstücke aus der Roentgen-Manufaktur an einem Ort versammelt zu sehen. Durch die Leihgaben aus dem Rijksmuseum in Amsterdam, den Stücken aus dem Besitz des Berliner Kunstgewerbemuseums, den Leihgaben aus dem Kunsthandel und erstmals überhaupt (!) der Leihgabe des Säulenschreibtisches mit Pultmechanik und Aufsatz aus St. Petersburg ist es außerdem möglich, die in drei Phasen verlaufende stilistische Entwicklung der Möbelproduktion der Roentgens anhand ihrer jeweiligen Schlüsselwerke zu verifizieren. Darüber hinaus kann die Provenienz der Möbelstücke zwei weitere Aspekte verdeutlichen: Zum einen, daß die damalige Kundschaft den höchsten europäischen Adelskreisen angehörte; zum anderen, daß es die Roentgens vermochten, sich auf dem schwierigen deutschsprachigen Markt, auf dem hartumkämpften französischen und selbst auf dem russischen Markt souverän zu plazieren. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang noch ein anderer Umstand: Gerade die vollendetsten und kostbarsten Möbelstücke wurden auf eigenes unternehmerisches Risiko für einen zwar anvisierten, aber trotzdem imaginären Kunden produziert.
Welches künstlerisches Vermögen, welche Werkstattorganisation, welche waghalsige Unternehmensstrategie und welche weiteren Voraussetzungen dazu beigetragen haben, daß exzeptionelle und unglaublich kostbare Möbelstücke beispielsweise am Petersburger Hof Aufstellung fanden, soll bei einem Rundgang durch die Ausstellung thematisiert werden. Zugleich ist der Frage nachzugehen, warum diese über zwei Generationen zum Geschäftsprinzip erhobenen Prämissen von Präzision und Hingabe zwar einerseits den über vierzigjährigen Erfolg der Möbel-Manufaktur garantieren konnten, andererseits aber in den 1790er Jahren der Absatz plötzlich stagnierte und der Abverkauf des Warenbestandes der Möbelmanufaktur begann.