Michaela van den Driesch
Der Blick auf den architekturgeschichtlichen Stellwert des Turmaufsatzes der St. Marienkirche in Berlin hat in den vergangenen zweihundert Jahren seiner Existenz eine starke Wandlung erfahren. So reichen die Einschätzungen zur Bedeutung des Turmaufsatzes für das Stadtbild von der wenig schmeichelnden Bezeichnung als "naiver gotischer Versuch von originellem Umriss" (R. Borrmann 1893) über "Theater-Gotik" (W. Th. Hinrichs 1909) und "frühes Beispiel ... im historischen Stil" (E. Badstübner 1982) bis hin zu seiner modernen Deutung als praktische Umsetzung einer "Urhüttenarchitektur im städtischen Raum" im Sinne der Theorie Marc-Antoine Laugiers (Ch. Scholl 2000).
Im Rahmen der Sanierungsmaßnahmen des Turmes der St. Marienkirche wurde im Jahr 2000/01 als vorbereitende Maßnahme zur Bauforschung ein "Bauhistorisches Gutachten, St. Marienkirche Berlin-Mitte, Archivauswertung und Dokumentation" im Auftrag des Landesdenkmalamtes Berlin erstellt. Durch die systematische und sehr umfangreiche Auswertung der Akten konnten bisher unbekannte Daten zur Baugeschichte des Turmes neu gewonnen sowie eine signierte und datierte Bauzeichnung aus dem Jahr 1799 aufgefunden werden, auf der die farbliche Fassung des neu errichteten Turmaufsatzes detailliert wieder gegeben wird.
Im Vortrag werden die kolorierte Tuschezeichnung von J. Gottfried Hüllemann aus dem Jahr 1799 und Langhans' neu errichteter Turmaufsatz der St. Marienkirche in den Kontext der zeitgenössischen Architekturpraxis um 1800 - als ein frühes Beispiel gezielt eingesetzter Gotikrezeption im Sinne des französischen "patrimoine national" - vorgestellt.