Christoph Schmälzle
Die 'edle Einfalt und stille Größe', die seit Winckelmanns Gedanken (1755) mit der Laokoon-Gruppe assoziiert wird, verweist auf die Frage, wie sich die Skulptur zu Vergils Schilderung in der Aeneis verhält. Entsprechend beginnt Lessings Abhandlung Laokoon (1766) mit einer berühmt gewordenen Winckelmann-Polemik, in der kanonisiert wird, was bis heute scheinbar gesichertes Allgemeinwissen ist: Der Laokoon des Epos schreit, der aus Marmor schreit nicht. Der Erfolg Lessings in der Rezeptionsgeschichte verdeckt dabei die mehrfache Wandlung der Laokoon-Interpretation in Winckelmanns Werk, die weit über den Griechenkult des Erstlingswerks hinaus bis an die Grenze von Lessings Semiotik führt.
Im Vortrag soll zunächst das wenig bekannte Winckelmann-Autograph der Bibliotheca Bodmeriana vorgestellt werden, das als Entwurf zur Statuenbeschreibung in den Gedanken noch keine Angaben über die akustischen Qualitäten von Laokoons Leiden enthält. Anschließend werden Funktion und Bewertung des Laokoon-Exemplums in der Druckfassung und in den späteren Schriften untersucht.