Schepkowski
Nina Simone
Schepkowski
Die Bildergalerie von Sanssouci und ihre Kunstagenten: Gotzkowsky, Heinecken, Oesterreich
In Anlehnung an die
berühmten Gemäldesammlungen von Dresden und Salzdahlum, die Friedrich der Große
(1712-89) während seiner Jugend und nach seiner Hochzeit mit Elisabeth
Christine von Braunschweig-Bevern (1715-97) mehrfach besucht hatte, sollte im
Schloßpark von Sanssouci eine ausschließlich der Präsentation von Meisterwerken
gewidmete Galerie entstehen. Erstmals wird dieses Vorhaben durch einen Brief
des Freiherrn von Bielfeld (1717-70) aus dem November 1754 bekannt, der davon
berichtet, daß der König „eine neue und weit geräumlichere Gallerie noch
beyfügen, und selbige einer Sammlung der vortrefflichsten Stücke aus den
verschiednen Schulen der italiänischen Malerey widmen wird.“[1] Vor allem die
letzte Andeutung verweist auf den geplanten Galeriebau Friedrich II., der
bereits einige Monate zuvor seinen Kammerherrn Fredersdorff (1708-58)
aufgefordert hatte: „Schreibe doch an Metra nach paris: wenn dortn Inventaires
werden, Wohr Tablos verkaufet werden, ob von Tisiens, Paul Veronesse, Jourdans
und Corege vohr Honete preise Kaufen Könnte: hübsche große ‚Tablau de galerie‘,
aber keine huntzfotiesche heilige, die Sie Märteren, aber Stücke aus der Fabel
oder historie.“ [2] Mit diesem Schreiben gab der König seinem künstlerischen
Verlangen allgemeinen Ausdruck: anstelle der arkadisch-idyllischen ‚Fêtes
galantes’ im Stile Watteaus, die sich thematisch als auch ihrer meist kleinen
Formate wegen bestens in die intimen Kabinette der friderizianischen Räume
einfügen ließen, sollten nun großformatige italienische und flämische
Meisterwerke mit antikisierend-heroischen Bildinhalten erworben werden. Für
seine geplanten Ankäufe instruierte Friedrich II. sowohl Vertraute,
diplomatische Gesandte als auch Händler mit weitreichenden Beziehungen. Zu
diesem Kreis gehörte auch der Berliner Kaufmann, Bankier und Diplomat Johann
Ernst Gotzkowsky (1710-75). Mit seinen Investitionen im Aufbau von Seiden- und
Samtmanufakturen, seinem ausgedehnten Handel von Luxusgütern sowie seiner 1761
gegründeten Fabrique de Porcelaine de Berlin, die in der heutigen Königlichen
Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) fortbesteht, war Gotzkowsky einer der
erfolgreichsten Fabrikanten seiner Zeit. Berühmt wurde er während des Siebenjährigen
Krieges (1756-63), als er einen Großteil seines Vermögens für den Schutz und
die Rettung der Städte Berlin und Leipzig aufbrachte und dadurch wesentlich zur
Erfüllung der russischen (Berlin) und preußischen (Leipzig) Kontributionen
beitrug. Neben seinen zahlreichen Unternehmungen betätigte sich Gotzkowsky auch
als Kunstagent und Gemäldesammler im großen Stil. Seine eigene Sammlung umfaßte
über 600 Werke, darunter vorwiegend Gemälde alter Meister, wie Veroneses
Auferstehung des Lazarus (heute St. Petersburg, Eremitage), Agostino Carraccis
Erschaffung der Eva (ehem. Sanssouci, verschollen) sowie Rembrandts Mann in
orientalischer Kleidung (Washington D.C., National Gallery of Art) und Die
betende alte Frau (Salzburg, Residenzgalerie). Ein Großteil der Gotzkowskyschen
Gemäldesammlung wurde 1764 nach St. Petersburg verkauft und bildete damit den
Grundstock der heutigen Eremitage. Gotzkowskys Ambitionen und Aktivitäten als
Sammler und Händler lassen sich nur erahnen, da persönliche Dokumente, die diesbezüglich
Einblick und Aufschluß hätten geben können, kaum noch vorhanden sind. Mit Hilfe
fragmentarischer Quellen können einige seiner Erwerbungen rekonstruiert werden.
Diese geben Einblick in die von ihm genutzten Verbindungen und Strategien, mit
denen er sich im Kunsthandel jener Zeit behauptete. Zahlreiche Gemälde erwarb
Gotzkowsky über den Intendanten der Dresdner Sammlungen Karl Heinrich von
Heinecken (1707-91). Über dessen Vermittlung konnte Gotzkowsky auch auf das für
den sächsischen Hof tätige Kunstagentennetz zurückgreifen. Im Nachhinein
erscheint es daher fast grotesk, daß Friedrich II. viele Gemälde erwarb, die
ursprünglich seinem Rivalen August III. angeboten worden waren oder gar aus
dessen Besitz stammten. Hierzu gehörte Rubens ‚Lukretia und Tarquinius’, das
vor wenigen Jahren erst in einem russischen Depot wiederentdeckt wurde. Auch
die graphischen Reproduktionen, die Gotzkowsky nach einigen Gemälden seiner
Sammlung anfertigen ließ, gehen auf Empfehlung Heineckens zurück. Die Stiche
nutzte Gotzkowsky im Rahmen seines Kunsthandels quasi als Vorstufe
illustrierter Verkaufskataloge, ein nicht zu unterschätzendes Medium in einem
fotografielosen Zeitalter. Beispielsweise konnte Friedrich II. zum Ankauf eines
vermeintlichen Raphaels bewogen werden, ‚Loth und seine Töchter’ (Sanssouci,
Bildergalerie, Jacques de Backer zugeschrieben), nachdem er eine Reproduktion
des Bildes erhalten hatte. Über Heineckens Verbindung konnte auch der am
Dresdner Kupferstichkabinett tätige Matthias Oesterreich (1726-78) für preußische
Dienste abgeworben werden. Als erster Galeriedirektor von Sanssouci verfaßte er
zahlreiche Galeriebeschreibungen und betätigte sich im Hintergrund als Berater
diverser Bilderankäufe.
1 [Jakob Friedrich BIELFELD], Des Freyherrn von Bielfeld freundschaftliche Briefe nebst einigen andern, (2. Teil) Danzig/ Leipzig 1765, S. 362, No 85. Das Schreiben ist datiert vom 19. November 1754.
2 Johannes RICHTER (Hg.), Die Briefe Friedrichs des Großen an seinen vormaligen Kammerdiener Fredersdorf, Berlin 1926, S. 309f., No 204. Das Schreiben ist datiert vom 23. Juli 1754.