Friedrich August Calau: Der Gendarmenmarkt mit dem alten Schauspielhause, um 1820, Aquatinta (Laurens und Thiele sculp.), Berlin bei L.W. Wittich, 17 x 12 cm Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Schepkowski

Nina Simone Schepkowski

Die Bildergalerie von Sanssouci und ihre Kunstagenten: Gotzkowsky, Heinecken, Oesterreich


In Anlehnung an die berühmten Gemäldesammlungen von Dresden und Salzdahlum, die Friedrich der Große (1712-89) während seiner Jugend und nach seiner Hochzeit mit Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern (1715-97) mehrfach besucht hatte, sollte im Schloßpark von Sanssouci eine ausschließlich der Präsentation von Meisterwerken gewidmete Galerie entstehen. Erstmals wird dieses Vorhaben durch einen Brief des Freiherrn von Bielfeld (1717-70) aus dem November 1754 bekannt, der davon berichtet, daß der König „eine neue und weit geräumlichere Gallerie noch beyfügen, und selbige einer Sammlung der vortrefflichsten Stücke aus den verschiednen Schulen der italiänischen Malerey widmen wird.“[1] Vor allem die letzte Andeutung verweist auf den geplanten Galeriebau Friedrich II., der bereits einige Monate zuvor seinen Kammerherrn Fredersdorff (1708-58) aufgefordert hatte: „Schreibe doch an Metra nach paris: wenn dortn Inventaires werden, Wohr Tablos verkaufet werden, ob von Tisiens, Paul Veronesse, Jourdans und Corege vohr Honete preise Kaufen Könnte: hübsche große ‚Tablau de galerie‘, aber keine huntzfotiesche heilige, die Sie Märteren, aber Stücke aus der Fabel oder historie.“ [2] Mit diesem Schreiben gab der König seinem künstlerischen Verlangen allgemeinen Ausdruck: anstelle der arkadisch-idyllischen ‚Fêtes galantes’ im Stile Watteaus, die sich thematisch als auch ihrer meist kleinen Formate wegen bestens in die intimen Kabinette der friderizianischen Räume einfügen ließen, sollten nun großformatige italienische und flämische Meisterwerke mit antikisierend-heroischen Bildinhalten erworben werden. Für seine geplanten Ankäufe instruierte Friedrich II. sowohl Vertraute, diplomatische Gesandte als auch Händler mit weitreichenden Beziehungen. Zu diesem Kreis gehörte auch der Berliner Kaufmann, Bankier und Diplomat Johann Ernst Gotzkowsky (1710-75). Mit seinen Investitionen im Aufbau von Seiden- und Samtmanufakturen, seinem ausgedehnten Handel von Luxusgütern sowie seiner 1761 gegründeten Fabrique de Porcelaine de Berlin, die in der heutigen Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) fortbesteht, war Gotzkowsky einer der erfolgreichsten Fabrikanten seiner Zeit. Berühmt wurde er während des Siebenjährigen Krieges (1756-63), als er einen Großteil seines Vermögens für den Schutz und die Rettung der Städte Berlin und Leipzig aufbrachte und dadurch wesentlich zur Erfüllung der russischen (Berlin) und preußischen (Leipzig) Kontributionen beitrug. Neben seinen zahlreichen Unternehmungen betätigte sich Gotzkowsky auch als Kunstagent und Gemäldesammler im großen Stil. Seine eigene Sammlung umfaßte über 600 Werke, darunter vorwiegend Gemälde alter Meister, wie Veroneses Auferstehung des Lazarus (heute St. Petersburg, Eremitage), Agostino Carraccis Erschaffung der Eva (ehem. Sanssouci, verschollen) sowie Rembrandts Mann in orientalischer Kleidung (Washington D.C., National Gallery of Art) und Die betende alte Frau (Salzburg, Residenzgalerie). Ein Großteil der Gotzkowskyschen Gemäldesammlung wurde 1764 nach St. Petersburg verkauft und bildete damit den Grundstock der heutigen Eremitage. Gotzkowskys Ambitionen und Aktivitäten als Sammler und Händler lassen sich nur erahnen, da persönliche Dokumente, die diesbezüglich Einblick und Aufschluß hätten geben können, kaum noch vorhanden sind. Mit Hilfe fragmentarischer Quellen können einige seiner Erwerbungen rekonstruiert werden. Diese geben Einblick in die von ihm genutzten Verbindungen und Strategien, mit denen er sich im Kunsthandel jener Zeit behauptete. Zahlreiche Gemälde erwarb Gotzkowsky über den Intendanten der Dresdner Sammlungen Karl Heinrich von Heinecken (1707-91). Über dessen Vermittlung konnte Gotzkowsky auch auf das für den sächsischen Hof tätige Kunstagentennetz zurückgreifen. Im Nachhinein erscheint es daher fast grotesk, daß Friedrich II. viele Gemälde erwarb, die ursprünglich seinem Rivalen August III. angeboten worden waren oder gar aus dessen Besitz stammten. Hierzu gehörte Rubens ‚Lukretia und Tarquinius’, das vor wenigen Jahren erst in einem russischen Depot wiederentdeckt wurde. Auch die graphischen Reproduktionen, die Gotzkowsky nach einigen Gemälden seiner Sammlung anfertigen ließ, gehen auf Empfehlung Heineckens zurück. Die Stiche nutzte Gotzkowsky im Rahmen seines Kunsthandels quasi als Vorstufe illustrierter Verkaufskataloge, ein nicht zu unterschätzendes Medium in einem fotografielosen Zeitalter. Beispielsweise konnte Friedrich II. zum Ankauf eines vermeintlichen Raphaels bewogen werden, ‚Loth und seine Töchter’ (Sanssouci, Bildergalerie, Jacques de Backer zugeschrieben), nachdem er eine Reproduktion des Bildes erhalten hatte. Über Heineckens Verbindung konnte auch der am Dresdner Kupferstichkabinett tätige Matthias Oesterreich (1726-78) für preußische Dienste abgeworben werden. Als erster Galeriedirektor von Sanssouci verfaßte er zahlreiche Galeriebeschreibungen und betätigte sich im Hintergrund als Berater diverser Bilderankäufe.

1 [Jakob Friedrich BIELFELD], Des Freyherrn von Bielfeld freundschaftliche Briefe nebst einigen andern, (2. Teil) Danzig/ Leipzig 1765, S. 362, No 85. Das Schreiben ist datiert vom 19. November 1754.

2 Johannes RICHTER (Hg.), Die Briefe Friedrichs des Großen an seinen vormaligen Kammerdiener Fredersdorf, Berlin 1926, S. 309f., No 204. Das Schreiben ist datiert vom 23. Juli 1754.