Brigitte Sölch
Vision oder Illusion? Museale Bewältigungsstrategien päpstlichen Machtverlustes in Rom um 1700
Der Beginn des 18. Jahrhunderts markiert eine neue Ära in der päpstlichen Sammlungsgeschichte. Denn seit 1566, nachdem Pius V. Ghisleri (1566-1572) einen großen Teil der Antiken des Vatikan verschenkt bzw. den Kapitolinischen Museen übereignet hatte, lag das Sammeln von antiken Bildwerken lange Zeit nicht mehr im Interesse der Päpste. Unter Clemens XI. Albani (1700-1721) war mit dem Museo Ecclesiastico von Francesco Bianchini (1662-1729) jedoch erstmals wieder eine großes päpstliches Museum für den Vatikan geplant, das dem ersten öffentlichen Antikenmuseum auf dem Kapitol im Jahr 1734 vorausging. Das Museum unterschied sich von den großen Familiensammlungen Roms und den europäischen Aristokratengalerien insofern, als nicht allein prominente Antiken, sondern vor allem auch frühchristliche Relikte in bis dahin ungekanntem Umfang vereint werden sollten. Gerade die Fundstücke aus der Zeit des frühen Christentums waren bis zu diesem Zeitpunkt in italienischen Sammlungen kaum vertreten. Dieser neue Sammlungsschwerpunkt war den systematischen Ausgrabungen im Gebiet des Kirchenstaates und – seit der Entdeckung der Katakomben im ausgehenden 16. Jahrhundert – den gezielt geförderten Forschungen zum frühen Christentum und den Anfängen der Kirche geschuldet. Zudem war die römische Kurie in eine finanzielle Krise und in eine politische Sackgasse geraten, die neue Repräsentationsstrategien erforderlich machten. Vor diesem Hintergrund sollte das Museo Ecclesiastico zum neuen Glanz der Kirche beitragen und den seit dem Dreißigjährigen Krieg unaufhaltsamen Machtverlust des Papsttums kompensieren helfen.