Regina Schubert
1759 (in erweiterter Fassung 1774) publizierte Johann Heinrich Lambert seine "Freye Perspektive oder Anweisung, jeden perspektivischen Aufriß von freyen Stücken und ohne Grundriß zu verfertigen". Er gibt darin eine neue Methode an, perspektivische Bilder ohne Umweg über die damals üblichen Grundrissverfahren direkt auf der Zeichenebene zu konstruieren. Ausgangspunkt ist dabei ein durch Winkelspiegelungen vorgenommener mathematischer Beweis, der es ermöglicht, vom Projektionszentrum des Auges aus über einen Winkelmesser die Fluchtpunkte eines jeden Gegenstandes in beliebiger Lage direkt auf der Horizontlinie abzutragen. Perspektive wird damit in einen beweisbar eindeutigen Bezug zur Wahrnehmung gesetzt, diese wiederum über den Weg der Mathematik neu fundiert im Sinne einer rationalistischen Erkenntnistheorie.
Gleichzeitig ist die perspektivische Konstruktion nun zu einem System äußerst flexibel einsetzbarer Parameter geworden, die beliebig variiert werden können, um die Bildkomposition zu beeinflussen und damit die Wahrnehmung der dargestellten Objektkonstellationen zu steuern.
Wie wird die neue Perspektivetheorie vermittelt und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Kunstproduktion der Zeit? Dieser Fragestellung soll exemplarisch in zwei Richtungen nachgegangen werden: Anhand der Entwürfe von Friedrich Gilly wird ihr Einsatz in der Architekturdarstellung um 1800 angesprochen werden; Johann Erdmann Hummels in den 1820er Jahren erschienene Perspektivetraktate sollen Möglichkeiten und Grenzen ihrer Anwendbarkeit in der bildenden Kunst veranschaulichen.