Friedrich August Calau: Der Gendarmenmarkt mit dem alten Schauspielhause, um 1820, Aquatinta (Laurens und Thiele sculp.), Berlin bei L.W. Wittich, 17 x 12 cm Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Alfred Hagemann

Wilhelmine von Lichtenau – Zur Bedeutung der Auftraggeberschaft im preußischen Frühklassizismus

Eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der plötzlichen Durchsetzung des Frühklassizismus in Preußen nach 1786 macht schnell deutlich, dass eine reine Künstlergeschichte zu kurz greift, um die komplexen sozialen, politischen und künstlerischen Weichenstellungen der wenigen Jahre zu begreifen, in denen Berlin zu einem Zentrum des europäischen Klassizismus aufstieg. Daher verspricht die Untersuchung der bisher nur völlig unzureichend beleuchteten Rolle der Auftraggeber neue Einsichten in die Entstehung und Entfaltung des neuen Stils in Preußen. An zentraler Stelle der sich als kleine, eng verknüpfte Gruppe von Höflingen und hohen Beamten darstellenden Gruppe der Auftraggeber, stand - neben dem König - die ursprünglich Bürgerliche Wilhelmine von Lichtenau (1753-1820), Geliebte und engste Vertraute Friedrich Wilhelms II. Die Forschung hat beiläufig immer wieder festgestellt, dass der "Einfluss" Lichtenaus auf den preußischen Frühklassizismus nicht zu unterschätzen ist, und ihre Bedeutung für eine Reihe der wichtigsten Bauprojekte der Epoche betont, ohne dass es bisher eine gründliche Untersuchung gäbe. Auf Grundlage einer systematischen Auswertung der Quellen soll in dieser Arbeit zunächst geklärt werden, welche Projekte im Zeitraum von 1786 bis 1797 nachweislich mit Lichtenau in Zusammenhang stehen, welche konkrete Form ihr „Einfluss“ hatte und wie er sich in der weiten Skala zwischen reiner Auftragsvergabe und eigenständigem Entwerfen einordnen lässt. Darüber hinaus ist zum weiteren Verständnis ihrer Rolle im Kunstbetrieb des späten 18. Jahrhunderts auch ein Verständnis der Werkmotivation notwendig, also der Bedeutung die Kunst für Lichtenaus Selbstverständnis hatte und die Analyse der politischen, sozialen und weltanschaulichen Ziele und Vorstellungen, die sich für Lichtenau mit dem neuen Stil verknüpften. Lichtenaus besondere, bei allem Einfluss gefährdete und widersprüchliche soziale Position als Frau, Mätresse, Bürgerliche und uneheliche Mutter am Hof machen ihre Person zu einem besonders aufschlussreichen Ausgangspunkt, um zu einem Verständnis der gesellschaftlichen Bedingungen bei der Durchsetzung des Frühklassizismus im Umbruchszeitalter vom Spätabsolutismus zur bürgerlichen Gesellschaft in Preußen zu gelangen und zudem eine empfindliche Lücke im von Legenden geprägten Wissen um eine der zentralen Persönlichkeiten des spätabsolutistischen Preußen zu schließen.