Friedrich August Calau: Der Gendarmenmarkt mit dem alten Schauspielhause, um 1820, Aquatinta (Laurens und Thiele sculp.), Berlin bei L.W. Wittich, 17 x 12 cm Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Baader

Hannah Baader, Florenz/Berlin

Geschmack. Zur frühen Geschichte eines ambivalenten Konzeptes

Der Begriff des "Geschmacks" wurde um 1600 nicht nur zu einem der wichtigsten Termini der Moralistik, sondern fand - bedingt durch die Nähe von Ethik und Kunsttheorie - als Metapher zunehmend auch im Bereich der Literatur und der bildenden Künste Anwendung. Aus der Bezeichnung für den Geschmacksinn und seine Wahrnehmungen wurde eine Bezeichnung für das richtige Urteilsvermögen, das eben gerade auch das sinnliche Urteil umfassen sollte. Als gusto, gout und taste läßt sich der geänderte Sprachgebrauch zunächst in Italien und Spanien, dann in Frankreich und England nachweisen. Durch Christian Thomasius wurde Geschmack mit einigem Zögern im späten 17. Jahrhundert auch ins Deutsche übertragen.
Wichtigstes Moment der metaphorischen Übertragung des Geschmacksbegriffes in den Bereich der Künste ist der mit dem gustus – als dem niedrigsten Sinnesvermögen - verbundene Aspekt der Lust und des Genusses. Die mit dem Ausgang des 16. Jahrhunderts einsetzende Debatte um den instinktiv guten oder richtigen Geschmack ist insofern auch als Teil einer Technik des klugen Genießens zu verstehen, das auch sozialhistorisch mit neuen Formen der Lebensführung in Verbindung zu bringen ist. Dabei erweist sich die Subjektivität des jeweiligen Urteils als einer der wichtigsten, aber systematisch schwer zu integrierenden Aspekte des neuen Begriffes, der es zwar ermöglicht, ästhetische Differenzen zu erklären, damit aber zum Problem der Verbindlichkeit des Geschmacksurteils führt.
Vor dem Hintergrund dieser terminologischen Verschiebungen ist danach zu fragen, inwieweit einzelne Werke der Malerei um 1600 mit dem Konzept des Geschmacks als "ästhetischem" in Verbindungen zu bringen sind bzw. zu einer Entfaltung dieses Konzepts beitragen.