Baader
Hannah Baader, Florenz/Berlin
Geschmack. Zur frühen Geschichte eines ambivalenten Konzeptes
Der Begriff des "Geschmacks" wurde um 1600 nicht nur zu einem der
wichtigsten Termini der Moralistik, sondern fand - bedingt durch die
Nähe von Ethik und Kunsttheorie - als Metapher zunehmend auch im
Bereich der Literatur und der bildenden Künste Anwendung. Aus der
Bezeichnung für den Geschmacksinn und seine Wahrnehmungen wurde eine
Bezeichnung für das richtige Urteilsvermögen, das eben gerade auch das
sinnliche Urteil umfassen sollte. Als gusto, gout und taste läßt sich
der geänderte Sprachgebrauch zunächst in Italien und Spanien, dann in
Frankreich und England nachweisen. Durch Christian Thomasius wurde
Geschmack mit einigem Zögern im späten 17. Jahrhundert auch ins
Deutsche übertragen.
Wichtigstes Moment der metaphorischen Übertragung des
Geschmacksbegriffes in den Bereich der Künste ist der mit dem gustus
als dem niedrigsten Sinnesvermögen - verbundene Aspekt der Lust und des
Genusses. Die mit dem Ausgang des 16. Jahrhunderts einsetzende Debatte
um den instinktiv guten oder richtigen Geschmack ist insofern auch als
Teil einer Technik des klugen Genießens zu verstehen, das auch
sozialhistorisch mit neuen Formen der Lebensführung in Verbindung zu
bringen ist. Dabei erweist sich die Subjektivität des jeweiligen
Urteils als einer der wichtigsten, aber systematisch schwer zu
integrierenden Aspekte des neuen Begriffes, der es zwar ermöglicht,
ästhetische Differenzen zu erklären, damit aber zum Problem der
Verbindlichkeit des Geschmacksurteils führt.
Vor dem Hintergrund dieser terminologischen Verschiebungen ist danach
zu fragen, inwieweit einzelne Werke der Malerei um 1600 mit dem Konzept
des Geschmacks als "ästhetischem" in Verbindungen zu bringen sind bzw.
zu einer Entfaltung dieses Konzepts beitragen.