Joachim Rees
Erinnerungsräume. Zum Verhältnis von Architekturbild, Reisebericht und kulturellem Gedächtnis im 18. Jahrhundert
Daß sich das Gedächtnis als ein Raum denken lasse, in dem sich Wissensinhalte nach einem Zuordnungsverhältnis von Bild und Ort organisieren lassen, gehört zu den Grundannahmen der in der Antike entwickelten und bis weit in die Frühe Neuzeit hinein gebräuchlichen Gedächtnislehren (ars memorativa). Im 18. Jahrhundert geriet dieses Konzept eines bild-räumlich angelegten Gedächtnisspeichers in Konkurrenz mit der subjektiven Erinnerung, die spontan und ungerichtet von Sinneseindrücken hervorgerufen werde, die nicht mehr unbedingt visueller Natur sein mußten. In einem motivgeschichtlich angelegten Spurengang werden Aspekte dieser Konkurrenzsituation von Gedächtnis und Erinnerung anhand von Reiseberichten (Cochin, Beckford, von der Recke) und Architekturbildern (Pannini, Piranesi) aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dargelegt. Dabei wird deutlich, daß die ›alten‹ Gedächtnisräume und ihre Inhalte nicht einfach verschwanden, sondern zu ›neuen‹ Formationen umgeprägt wurden, die den Akt des Erinnerns selbst repräsentieren.