Friedrich August Calau: Der Gendarmenmarkt mit dem alten Schauspielhause, um 1820, Aquatinta (Laurens und Thiele sculp.), Berlin bei L.W. Wittich, 17 x 12 cm Besitz und Fotografie: Stiftung Stadtmuseum Berlin
 

Michael Niedermeier

(Fiktive) vor- und frühgeschichtliche Grabdenkmäler im frühen Landschaftsgarten

Die Entstehung des frühen Landschaftsgartens in England fällt zeitlich fast unmittelbar mit der Übernahme des Thrones durch das aus Niedersachsen stammende Geschlecht der Welfen zusammen. Die möglichst plausible Verzahnung der Genealogien der Hannoveraner mit den Engländern mußte aus Gründen der Legitimation und Festigung des Anspruches auf den Thron den Interessen der neuen Herrschaft als höchst wünschenswert erscheinen. Der politische Vordenker der Hannoveraner, G.W. Leibniz, hatte bereits weit im Vorfeld die genealogischen Wurzeln der Welfen als ein Hauptargument im Anspruch auf die Kurwürde und den englischen Thron herausgearbeitet. Schon damals machte er auf die angebliche gemeinsame Herkunft der alten Sachsen, die auf der Insel Monarchie und Verfassung eingeführt hätten, mit den Niedersachsen und dabei die gemeinsame germanische Quelle der englischen Königshäuser aufmerksam. Im Zuge der scharfen Rebellion der Erbprinzen Georg August, der spätere König Georg II., gegen seinen Vater Georg I. und daran anschließend wiederum der unversöhnlichen Gegensatzes seines Sohnes Frederick von Wales gegen ihn bildete sich im Umkreis der antihöfischen oligarischen Opposition eine patriotische Ästhetik heraus, die die "gotische" altständische Freiheit mit ihrer genealogischen Verortung in den altsächischen Herrschergeschlechtern verband. In den frühen Landschaftsgärten (z.B. Stowe, Wilton House, Stourhead), die zumindest in ihren Frühphasen die patriotisch englische "natürliche" landschaftliche Ästhetik scharf gegen die höfisch französische Gartenkunst in Anschlag brachten, wurden „altsächsische" Denkmale, neugotische Bauten und vorzeitliche "Fürstengräber" zur Behauptung der altständischen Freiheit entweder - soweit vorhanden - einbezogen oder als fiktive Erinnerungsmale hineinkonzipiert.

Mit einiger zeitlicher Verzögerung wiederholte sich dieser Vorgang auch in den "englischen" Gärten anderer (protestantischer) nordeuropäischer Länder oder reichsdeutscher Fürstentümer, immer mit dem Ziel, über das Vehikel der Behauptung genealogischer Kontinuität der Herkunft von den alten germanischen Herrschergeschlechtern, die Verteidigung des fürstlichen oder ständischen Anspruchs zu legitimieren. Im Vortrag soll anhand verschiedener Beispiele aus den prominentesten Landschaftsgärten gezeigt werden, daß sogenannte Hünengräber, Steinkreise, "altdeutsche Heldengräber" und Hügelgrabanlagen ganz konkret auf fiktive Deszendenzen, wie sie in alten Chroniken und Historienbüchern aufgenommen worden waren, verweisen sollten. Das Aufkommen des "vaterländischen" Granit als dem passenden Roh- und Baustoff solcher Denkmale, so soll gezeigt werden, fällt mit dieser herrschaftsgeschichtlichen, vornationalen Selbstbehauptungsstrategie zusammen.